Alltag im Plastikmüll

Elektroschrott in Ghana auch aus Deutschland

Auf Einladung der Gruppe W.I.M. – Weniger. Ist. Machbar. hat Thomas Perzul, Pastor und Mitglied im Ausschuss für entwicklungsbezogene Bildung der Ev. Kirchen in Niedersachsen, am vergangenen Donnerstag in Wiefelstede über die Mülldeponie Agbogbloshie und Plastikmüll in Ghana vorgetragen. Perzul berichtete mit eindrucksvollen Fotos über seinen aktuellen Besuch in Ghana und dessen Hauptstadt Accra. Dort befindet sich mitten in der Stadt die Mülldeponie Agbogbloshie, direkt umgeben von Wohngebieten, Märkten und einem der größten Krankenhäuser. Sie liegt an einer Lagune, die früher ein bedeutendes Vogelbrutgebiet war und hat eine Größe von rund 17 ha. Hier landet unter anderem auch deutscher Elektroschrott.

„Die Deponie ist erkennbar an den Rauchschwaden, die über die Stadt ziehen“, erläutert Perzul. Der Weg zur Deponie führt über den Markt. Da kommt man an vielen Ständen vorbei, an denen das verkauft wird, was auf der Deponie gewonnen werden kann. Viele sind spezialisiert. Zwei Männer verkaufen ausschließlich Platinen aus DVD-Playern – ein Kilogramm für umgerechnet einen Euro. Andere verbrennen Kühler von Autos, um das Eisen vom Kupfer zu trennen, das dann verkauft wird.
Die Deponie und ihre Umgebung ist inzwischen ein eigener Stadtteil geworden, wo für bis zu 60.000 Menschen ein „normales“ Leben stattfindet. Auf der Deponie gibt es Wohnquartiere, Werkstätten und viele Straßenkinder, die ohne Familien aufwachsen. Die hygienischen Verhältnisse sind schlecht. Je näher man den Quellen des Rauches kommt, umso beißender wird der Geruch. Hier werden Kabel verbrannt, um an Kupfer zu kommen. Dabei entstehen hochgiftige Dioxine, die mit den Rauchwolken über die Stadt wabern oder bei Regen in die angrenzende Lagune und dann ins Meer geschwemmt werden. Junge Menschen sprechen relativ offen über ihre Ängste vor den gesundheitlichen Folgen mit Pastor Perzul. Sie hätten aber keine anderen Perspektiven.

Grundsätzlich wird repariert, was repariert werden kann. Alles andere wird verwertet und zum Teil direkt vor Ort zu anderen Gegenständen verarbeitet. 2013 wurden aus Deutschland 215.000 t Elektroschrott nach Ghana exportiert, aktuell gehen Schätzungen von der doppelten Menge aus. Schrott, der eigentlich gar nicht hätte exportiert werden dürfen. Paradox: Dadurch werden 90 Prozent des Elektronikschrotts recycelt. „Am meisten hat mich das selbstverständliche Nebeneinander von Alltag und lebensgefährlichem Müll beeindruckt“, stellt Perzul fest.

Abschließend berichtet Perzul auch über die Allgegenwärtigkeit von Plastik in Ghana – nicht nur in den Metropolen, sondern auch auf dem Land. Die wunderschönen Strände sind übersät mit Plastikflaschen. Das faszinierende Land ist gepflastert mit Plastikbeuteln, aus denen Wasser getrunken wurde. Plastikmüll ist dort einfach überall!
An den beeindruckenden Vortrag schloss sich eine sehr rege und auch fachkundige Diskussion an. Ein Experte aus dem Publikum erläuterte, dass die Gesetze existierten, es gäbe lediglich ein Defizit am Vollzug. Und es gäbe eine Müllmafia, die davon profitiert, dass der Vollzug nicht klappt. Das Recycling würde in Billiglohnländer „exportiert“, weil dabei mehr Gewinn zu machen sei. Es wurde auch die vorprogrammierte Ablaufzeit von Elektrogeräten kritisiert. Damit würde das Problem des Elektroschrotts verschärft. Man war sich einig, dass auch hier vor Ort weiter auf die Problematik dieser Missstände aufmerksam gemacht werden müsste. Wer dabei mithelfen möchte, ist herzlich zum nächsten Treffen von W.I.M. eingeladen.

Hintergrund:
Die Gruppe „W.I.M. – Weniger. Ist. Machbar.“, deren Mitglieder aus dem gesamten Ammerland kommen, beschäftigt sich mit der Umsetzung der 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, kurz: SDGs) der Vereinten Nationen im Rahmen der Agenda 2030. Aktuelles Thema von W.I.M. ist die Aktion „Plastiksparen im Ammerland“. Damit sollen gleich mehrere der Nachhaltigkeitsziele umgesetzt werden. Die Evangelische Erwachsenenbildung und Engagement Global fördern das Projekt. Infos zu den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen unter https://sustainabledevelopment.un.org/sdgs

Gefördert durch Engagement Global mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und durch die Evangelische Erwachsenenbildung Niedersachsen.
Für den Inhalt dieser Publikation ist allein das Evangelische Bildungswerk Ammerland verantwortlich; die hier dargestellten Positionen geben nicht den Standpunkt von Engagement Global gGmbH und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wieder.