Kirche - ohne Bildung geht es nicht
1965 ist das Gründungsjahr der EEB Niedersachsen. Das Ende des 2. Weltkriegs lag da bereits 20 Jahre zurück, die Trümmer – zumindest die sichtbaren – waren größtenteils beiseite geräumt, das so genannte Wirtschaftswunder nahm seinen Lauf und bescherte vielen Menschen einen gewissen Wohlstand. Es gab Arbeit, Aufbruchsstimmung, und es wurden Themen und Bereiche entdeckt, die bis dato im Verborgenen geschlummert hatten: Der Bildungsgedanke ist auf diese Weise groß geworden.
1965 hatten bereits zahlreiche Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen die Bedeutung von Erwachsenenbildung entdeckt und eigene Schwerpunkte gesetzt. Dennoch fehlte es an einer gesamtkirchlichen Initiative. Von einem der damaligen Zeitzeugen, dem Oberlandeskirchenrat Ernst Henze im Landeskirchenamt Hannover, wurde die damalige Situation folgendermaßen beschrieben: „Für die römisch-katholische Kirche, für die Gewerkschaften und die Landvolkverbände hatte es schon immer die `Bildungsarbeit´ gegeben. In den evangelischen Kreisen waren es dagegen mehr einzelne Personen gewesen, die hier eine Aufgabe auch für die Kirche sahen.“
Dann ergab sich aber Folgendes: Die niedersächsische Landesregierung bereitete in den 60er Jahren ein Erwachsenenbildungsgesetz vor, das Anlass gab, die evangelische Praxis zu überdenken. Die daraufhin einsetzenden Überlegungen entwickelten sich in Richtung Vereinsgründung, die die Bildungseinrichtungen der evangelischen Kirchen unter einem Dach zusammenschließen sollten. Der zweite Gedanke dazu war: die Förderfähigkeit von Bildungsarbeit im Sinne des kommenden Gesetzes sollte damit einhergehen. Bis dahin hatten einzelne Einrichtungen bereits von den für Erwachsenenbildung bereit gestellten Landesmitteln profitiert – allerdings im so genannten „Huckepack-Verfahren“: Bildungsstunden wurden abgerechnet – jedoch nicht über eine kirchliche Institution, sondern über nichtkirchliche Träger, wie zum Beispiel die Ländliche Erwachsenenbildung. Manche betrachteten dies nach wie vor als vollkommen ausreichend. Von daher wurde die Gründung eines gemeinsamen „Daches für kirchliche Erwachsenenbildung“ nicht überall mit Beifall bedacht: Während einige damals die Einrichtung eines „Superwerkes“ witterten, befürchteten andere „eine Konfessionalisierung der Erwachsenenbildung in kirchlicher Trägerschaft“ - und damit einhergehend den Verlust der Kontakte zu anderen, nichtkirchlichen Trägern. So beschreibt einer der Gründungsväter, der damalige Leiter der Evangelischen Heimvolkshochschule Rastede, Hans-Wilhelm Mechau, den Entstehungsprozess der EEB.
Waren es „nur“ die seitens der Landesregierung winkenden Fleischtöpfe in Form von Fördermitteln, die die damals Verantwortlichen veranlassten, die Gründung der EEB trotz der innerkirchlichen Widerstände energisch voranzutreiben? Hoffentlich nicht. Jedenfalls wurde am 18. Juni 1965 die neu gegründete EEB Niedersachsen (damals noch als „Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung im Bereich der evangelischen Kirchen Niedersachsens“) in das Vereinsregister eingetragen - und damit die EEB aus der Taufe gehoben.
Gehen wir mit unserem Blick in die Vergangenheit noch einen Schritt weiter zurück: Die hohe Bedeutung von Bildung ist ja kein Gedanke, der sich erst in den 50er Jahren des vorangehenden Jahrhunderts Bahn gebrochen hat. Die große Bedeutung von Bildung geht unmittelbar Hand in Hand mit der Gründung der evangelischen Kirche. Eine Kollegin aus Hessen sagte neulich: Ohne Bildung gäbe es die evangelische Kirche nicht. Stimmt! Ohne Bildung gäbe es die evangelische Kirche nicht. Bildung gehört mit zur DNA der evangelischen, reformatorischen Kirche und ergibt sich direkt aus der Bibel. Im traditionell so benannten Taufbefehl bei Matthäus heißt es: Macht euch auf den Weg und lasst alle Völker mitlernen. Taucht sie ein in den Namen Gottes, Vater und Mutter für alle, des Sohnes und der heiligen Geistkraft. Und lehrt sie, alles, was ich euch aufgetragen habe, zu tun – Mt. 28, 19 im Wortlaut der Bibel in gerechter Sprache.
Die Lehre, das Miteinander und Voneinander lernen, stand also ganz am Anfang der Erfahrungen, die die junge Christengemeinde mit Jesus gemacht hatte. Und damit stand die hohe Bedeutung von Bildung in einer direkten Linie zum Judentum, in dem Bildung ebenfalls von zentraler Bedeutung war. Von seinen Weggefährt:innen wurde Jesus nicht umsonst als „Rabbi“, als „Lehrer“ angesprochen. Und die Art und Weise seines Redens, häufig in „Gleichnissen“, also in verständlicher Bildsprache, spiegelt diese Anknüpfung unmittelbar wider.
Die zentrale Bedeutung von Bildung: Sie trägt sich durch die Geschichte des Christentums weiter hindurch und erreicht einen neuen Höhepunkt im Zeitalter der Reformation. Martin Luthers bahnbrechende Erkenntnis war ja die, dass alle Menschen einen direkten Zugang zu Gott haben. Um Gott begegnen zu können, brauchen sie keine Mittlerperson, die zwischen dem Einzelnen, der Einzelnen, und Gott vermittelt. Sondern: Alle Menschen haben einen direkten Draht zu Gott und profitieren von einer unmittelbaren Gottesbeziehung. Das priesterliche Mittleramt ist obsolet geworden. Jeder, der aus der Taufe „gekrochen“ ist, ist Priester, Bischof, Papst, …. – so formulierte Martin Luther es einmal . Und fuhr fort: „obwohl es nicht einem jeden ziemt, ein solches Amt auszuüben“.
Wodurch lässt sich Gottes Willen am besten verstehen und deuten? Durch das Lesen und Verstehen der Bibel. Sola scriptura – so lautet eines der reformatorischen Hauptprinzipien. Doch dazu bedurfte es in einer Welt, die für den größten Teil der Menschheit von geringer bis gar keiner Literalität gekennzeichnet war – eines Werkzeugs, vielmehr einer Fähigkeit: der Fähigkeit, lesen und schreiben zu können. Also setzte sich bei den Reformator:innen die Überzeugung durch, dass das allgemeine Priestertum nur praktikabel war, wenn alle Menschen über gewisse Bildungsvoraussetzungen verfügten. Martin Luther formuliert es in seiner Schrift „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“ (1524) folgendermaßen: „Vielmehr ist das einer Stadt bestes und allerreichstes Gedeihen, Heil und Kraft, das sie viele feine, gelehrte, vernünftige, ehrbare, wohlerzogene Bürger hat“, …. und fährt fort: „Darum müssen wir selbst etwas dafür tun und Mühe und Kosten darauf verwenden, sie selbst zu erziehen und zu machen.“
So war es den reformatorischen Vätern und Müttern schon früh ein Anliegen, Schulen zu gründen. Nicht nur zum Verständnis des Willens Gottes wurde Bildung als notwendig angesehen. Sie wurde auch als erforderlich erachtet, um die Grundlage für den Erfolg im Beruf und für die Sicherung der Existenz von Familien legen zu können. Deshalb sollten alle Jungs und Mädchen lesen, schreiben und rechnen lernen. Wenngleich für Mädchen, so Martin Luther, eine Stunde Unterricht am Tag als durchaus ausreichend betrachtet wurde. Trotz dieser Einschränkung, der heute natürlich niemand mehr zustimmen würde, nahm die Demokratisierung der Bildung hiermit ihren Lauf .
Seit den Tagen der Reformation ist Einiges geschehen. Im Hinblick auf Bildung hatte sich im Laufe der Zeit ein viel umfassenderes Bildungsverständnis entwickelt: eines, das nicht mit Abschluss der Schule an ihr Ende gekommen war. Stattdessen gehen wir heute davon aus, dass die meisten Menschen ihr ganzes Leben lang Lernende sind. Nicht, weil wir es „müssen“, sondern weil wir es wollen: die Welt verstehen – neue Perspektiven kennen lernen – und bereit sind, unsere Meinung zu revidieren, wenn neue Argumente plausibel erscheinen. Lebenslanges Lernen – Bildung – und damit einhergehend Perspektivwechsel, Reifung und Veränderung – all das macht ein mündiges Menschenleben aus. Und gibt den Takt für die Erwachsenenbildung vor.
Die Hoffnung, dass ein evangelisches Bildungswerk seinen Beitrag zur Stärkung des Priestertums aller Getauften wird leisten können, ist einer der wesentlichen Gründungsgedanken einer konfessionell verantworteten Erwachsenenbildung. Er stand auch am Anfang der Gründung der EEB Niedersachsen: Ehrenamtliche sollten ausgebildet und qualifiziert werden: in Bezug auf theologisches Wissen, aber auch hinsichtlich pädagogischer und didaktischer Fähigkeiten. So befähigt, konnten sie beispielsweise die Leitung eines Bibelkreises, eines Frauen- oder eines Männerkreises übernehmen. Mittels der verstärkten Ausbildung von Ehrenamtlichen erhoffte man sich mehr religiöses und theologisches Wissen, gepaart mit mehr Mündigkeit bei den jeweiligen Adressat:innen. Die Erwachsenenbildung sollte ein Ort sein, an dem die grundlegenden Lebensfragen gemeinsam thematisiert werden konnten, um daraus Orientierung für sein und ihr eigenes Handeln zu gewinnen.
Und so spielten Bildungsformate, die Ehrenamtliche in ihren religiösen Kompetenzen fördern und stärken sollten, von Anfang an eine große Rolle im Bereich der evangelischen Erwachsenenbildung. Aber nicht ausschließlich. In einer chronologischen Übersicht über die inhaltlichen Schwerpunkte evangelischer Erwachsenenbildung ausgehend vom Jahr 1965 gibt es die folgende interessante Aufzählung:
Politische Bildung – sie wurde damals auch bezeichnet mit „mitbürgerlicher“ Bildung und betont unsere Mitverantwortung im Hinblick auf das Gemeinwohl; theologische Bildung; Eltern- und Familienbildung; Altenbildung (heute ist es die Arbeit mit Senior:innen oder: 60 plus). Ab den 70er Jahren kamen weitere Schwerpunkte hinzu: konfliktorientierte Erwachsenenbildung; gemeindeorientierte Erwachsenenbildung; und schließlich, ab Mitte der 70er: ökologische Themen, wie auch Ökumene. Ab den 80er Jahren dann vermehrt: Abrüstungs- und Friedensfragen, Gentechnologie; und gegen Ende der 80er Jahre dann: Feministische Theologie neben Computerkursen mit berufsqualifizierenden Anteilen.
Vergleichen wir diese Themenvielfalt mit dem heutigen Veranstaltungsangebot der EEB, dann wird offenkundig: die meisten Themen begegnen uns heute immer noch. Wenngleich sich die Schwerpunkte verändert haben und Neues hinzugekommen ist. Seit 2016 ist dies vor allem die Sprach- und Integrationsarbeit mit geflüchteten Menschen, die mittlerweile ein Viertel unseres Unterrichtsvolumens ausmacht. Ich halte diese Akzentuierung für ausgesprochen notwendig und sinnvoll: Es ist unsere Aufgabe als Kirche, uns für ein gelingendes Miteinander in unserer Nachbarschaft, in unseren Kirchengemeinden und Kommunen, in unserer gesamten Gesellschaft einzusetzen. Um achtsam und respektvoll miteinander umgehen zu können, ist Kommunikation, ist Sprache der Schlüssel.
Daher halte ich es auch für unabdingbar, dass Kirche – neben den weiteren kirchlichen Handlungsfeldern, wie Verkündigung, Seelsorge und Diakonie – an ihrem Bildungsauftrag unverrückbar festhält. Wir alle kennen die Diskussion in den Synoden und kirchenleitenden Gremien, die - ausgehend von dem schon spürbaren Rückgang der finanziellen Mittel - geführt werden: Nicht wenige fordern, Kirche solle sich zurückziehen auf die „originären“ kirchlichen Handlungsfelder. Doch was sind „originäre“ kirchliche Handlungsfelder? In jedem Fall gehört die „Bildung“ mit dazu. Bildung ist Wesensmerkmal von Kirche und gehört zentral zum kirchlichen Auftrag. Jeder Mensch soll erkennen können, dass er und sie als von Gott bejahtes Geschöpf mit vielfältigen und unterschiedlichen Gaben und Befähigungen ausgestattet ist. Menschen sollen in der Fähigkeit bestärkt werden, ihr Leben selbstwirksam zu führen und zu deuten, es als stimmig und beglückend zu empfinden und Verantwortung für sich, für andere und für die Schöpfung zu übernehmen. So verstandene Bildung ist ein Emanzipationsprozess, der keineswegs auf die ersten beiden Lebensjahrzehnte beschränkt bleibt, sondern das gesamte Leben umgreift.
Vermutlich spiegelt sich ein solch emanzipatorisches Bildungsverständnis in der Philosophie zahlreicher Bildungsinitiativen wider. Religiöse Bildung beinhaltet jedoch ein Mehr und verfügt über ein Alleinstellungsmerkmal: Sie ist sich der irdischen Begrenzung und Endlichkeit bewusst, ebenso des fragmentarischen Charakters (Henning Luther) allen Lebens. So ist religiöse Bildung geprägt von der Überzeugung, dass Gott in der gegenwärtigen Dimension nicht aufgeht, sondern die vorfindliche Wirklichkeit transzendiert. Daher stellt sie sich dem Unverfügbaren, sie weiß um Gelingen und Scheitern, um Glück und Endlichkeit.
Ein letzter Gedanke: Er geht zurück auf das diesjährige Netzwerktreffen der EEB. Im vergangenen Jahr haben wir es selbstredend auch zur Feier unseres 60. Geburtstags genutzt: mit Geburtstagstorte und Sekt zum Anstoßen, und mit einigen sehr eindrücklichen Grußworten und Impulsen. Einer der Impulsgeber war der Journalist und Buchautor Arnd Henze. Er hat uns einen wichtigen Gedanken mit auf den Weg gegeben. „Bildung ist systemrelevant!“. Ist das wirklich so? Ist Bildung nicht nur Motor und Taktgeber von persönlicher Entwicklung und von gesellschaftlichen Veränderungen? Ist Bildung wirklich system-relevant? Nun, Arnd Henze hat diese Behauptung ja nicht ohne Grund ins Zentrum seiner Ausführungen gesetzt. Denn im selben Zuge gab er uns den Rat: „Nehmt Bildung so ernst, wie die Feinde der Demokratie Bildung ernst nehmen!“
Ein Beispiel, das er zur Bekräftigung seiner These anführte, war die USA: das Vorgehen der derzeitigen US-Regierung gegenüber – in deren Augen – aufmüpfigen Bildungseinrichtungen und die Zerschlagung des Bildungsministeriums gleich in den ersten Wochen nach der Amtsübernahme. All dies führt ihn zu der Schlussfolgerung: „der Angriff auf die Demokratie zielt nicht ohne Grund auf genau die Institutionen, auf denen jede Demokratie aufbaut: den Rechtsstaat, die freien Medien, eine vielfältige Zivilgesellschaft und eben die Bildungseinrichtungen. (…) Wenn aber die Feinde der Demokratie die liberale, weltoffene Bildung und ihre Träger so sehr hassen und bekämpfen – dann spricht das dafür, wie sehr sie das Humane und Emanzipatorische darin fürchten. (…) Ja: die Feinde der Demokratie wissen, dass Bildung in einer Demokratie systemrelevant ist.“
Ich gebe Arnd Henze recht und bekräftige dies mit einer Beobachtung, die mich schon seit längerem beschäftigt: Überall da, wo autoritäre Personen und Systeme an die Macht gelangen, ist das Erste, was passiert: der Zugang zu Bildung wird eingeschränkt. Meist wird er vor allem für Frauen eingeschränkt. Frauen dürfen die Schule – wenn überhaupt – nur noch bis zum Abschluss der Grundschule besuchen. Vom Besuch weiterführender Schulen, vom Studium gar, bleiben sie ausgeschlossen. Beispiele, wie die derzeitige Situation in Afghanistan belegen dies. Wie auch das Schicksal der jungen Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai aus Pakistan. Auf Malala wurde 2012 seitens radikaler Taliban in einem Schulbus sitzend geschossen, als sie 15 Jahre alt war. Anlass für den Anschlag war – laut Bekennerschreiben - ihr Einsatz für die schulische Bildung der weiblichen Bevölkerung. Malala überlebte den Anschlag und erhielt zwei Jahre später den Friedensnobelpreis.
Totalitärer Machtanspruch richtet sich häufig zuallererst gegen Bildung, gegen freie Meinungsäußerung, gegen Medien, gegen Partizipation und gegen Gleichberechtigung. Von daher: Nehmen wir das Jubiläum der EEB Niedersachsen zum Anlass und singen wir ein Loblied auf die Bildung! Feiern wir ihren emanzipatorischen und befreienden Charakter. Und sprechen wir uns zu: Bildung ist systemrelevant. Seien wir stolz darauf! Und setzen wir uns – in aller Demut - weiterhin für uneingeschränkte Bildung ein!
Hannover, 06.01.2026
Ulrike Koertge, Leiterin der EEB Niedersachsen

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