Bericht: Jetzt reden wir! Hoffnungsträger oder Risikogruppe?

 


Fach-Webseminar am 16. September 2020

Seit Beginn der Pandemie wird viel über die Älteren gesprochen, aber nicht mit ihnen. Das wollte die DEAE Fachgruppe „Bildung im Alter“ thematisieren und besonders Multiplikator*innen in der Arbeit mit älteren Menschen Gelegenheit zum Austausch über diese Situation geben. Fast 60 Personen aus dem gesamten Bundesgebiet folgten der Einladung zum Webseminar.

Mit seinen einführenden Worten machte der Bundesgeschäftsführer der DEAE, Michael Glatz, deutlich, wie sehr bestimmte Begriffe, wie z.B. der der Risikogruppe, eine negative Wirkmacht entfalten und damit auch den Rahmen für die allgemeine Wahrnehmung und das Zusammenleben in der Gesellschaft zwischen Jung und Alt setzen. Umso wichtiger seien Veranstaltungen wie dieses Fach-Webseminar, die auf die Situation der Älteren in der Pandemie aufmerksam machten und die Folgen von Altersdiskriminierung aufzeigten.
 
Über die Auswirkungen des öffentlichen Diskurses auf ältere Menschen sprach auch Prof. Eva-Marie Kessler, Prof. für Gerontologie an der Medical School Berlin und Psychologische Psychotherapeutin. Es gäbe zwar noch keine Forschungsergebnisse darüber, aber die negativen Merkmale der derzeitigen Altersdiskriminierung seien psychotherapeutisch deutlich spürbar. Mit der Zuschreibung „Risikogruppe“ wurden besonders zu Beginn der Pandemie Bilder vom Alter und von Älteren als fragil, hilfsbedürftig, abhängig und einsam transportiert. Die Unterschiedlichkeit des Alters und von älteren Menschen und die früheren kompetenzorientierten Altersbilder (sogenannte „fitte Alte“, verschiedene Lebensphasen des Alters) seien in der Pandemie in sich zusammengefallen. Bereits Menschen ab 50 plus kamen in den Medien oft nur als statistische Zahlen und bezogen auf ihre biologische Fragilität vor. Ansonsten kamen ältere Menschen in der Krise nicht zu Wort. Dadurch wurden die psychischen Ressourcen von Älteren nicht in die Bewältigung der Krise einbezogen. Die hohe Variabilität im Alter wurde ignoriert zugunsten einer Schutz- und Katastrophenlogik. Diese Stigmatisierung von älteren Menschen hat jedoch Einfluss auf das Wohlbefinden und das Selbstbild von Älteren. Vielfach zu beobachten sind Auswirkungen, wie die Angst, die Wohnung zu verlassen, das Gefühl von Wertlosigkeit oder Schuldgefühle, den Jüngeren zur Last zu fallen. Seit etwa ein bis zwei Monaten, so Prof. Kessler, sind die Älteren nun aus der öffentlichen Diskussion verschwunden, sie wurden unsichtbar. Aber Unsichtbarkeit ist auch eine Form von Altersdiskriminierung, denn Unsichtbarkeit heißt, nicht mehr der Rede wert zu sein. Stattdessen werden aktuell die Spätfolgen für die Jüngeren, die an COVID19 erkrankt sind, in den Blick genommen. Über die Spätfolgen bei den Älteren durch eine COVID19-Erkrankung oder auch durch die Kontaktsperre und Isolierung wird dagegen nicht gesprochen.
 
Auch Jens-Peter Kruse, Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Senioren e.V. (BAGSO), geht in seinem Impuls auf die Spätfolgen der Pandemie bei Älteren ein. So machte der Lockdown, der als Schutz für die Älteren gedacht war, viele durch die Isolierung krank und die Stigmatisierung als Risikogruppe führt zur Abwertung der individuellen Ressourcen und des eigenen Selbstbildes bei Älteren.
Darüber hinaus wurden durch die Pandemie die Defizite in der Altenhilfe, die Mängel in den Pflegeinrichtungen und vor allem die mangelnde Wertschätzung von Älteren in unserer Gesellschaft deutlich. Aber, so Kruse, waren die Alten denn überhaupt je Hoffnungsträger? Eher nein, denn Altersbilder entstehen durch gesellschaftliche Zuschreibungen im Zusammenhang mit gesellschaftlich gelebten Werten. Diese orientieren sich am heutigen ökonomischen Menschenbild, nach dem der unternehmerische Mensch jederzeit flexibel und erreichbar sein muss. An dieser Messlatte entscheidet sich dann auch der „Wert“ oder „Unwert“ eines Menschen. Die Zuschreibung zur Risikogruppe von bereits fünfzig- oder sechzigjährigen zeigt, dass es auch vor der Pandemie keine nachhaltigen Veränderungen in den Altersbildern gegeben hat. Corona hat den negativen Blick auf das Alter nur reaktiviert. Solange Produktivität und Jugendlichkeit die vorherrschenden Maßstäbe in unserer Gesellschaft sind, wird das Alter ausgegrenzt und als defizitär beurteilt. Und - so Kruse - : „Wer will da schon alt sein, wo das Alter nur geschminkt gezeigt werden darf?“  

In der Pandemie wurden die Älteren zum Kostenfaktor und zur „Spaß- Bremse“ für die Jüngeren. Die derzeitige öffentliche Diskussion spaltet die Generationen, statt sie zu versöhnen. Dabei gibt es nicht den einen Verlierer oder die eine Verliererin der Krise!
Über die Bewältigung der Pandemie muss daher, so Prof. Eva-Marie Kessler und Jens-Peter Kruse, eine öffentliche Debatte mit allen, auch den Älteren, geführt werden. Das vorhandene Potential von älteren Menschen, ihr Wissen und ihre Erfahrungen in Bezug auf eine Krisenbewältigung, sollten mehr genutzt werden, nicht zuletzt auch, um damit der gesellschaftlichen Stigmatisierung, aber auch dem vielfach verinnerlichten negativen Selbstbild vieler Älterer entgegenzuwirken. Viele Teilnehmende sprachen sich auch dafür aus, dass die Begegnungen zwischen Alten und Jungen mehr gefördert werden müssen, um den gegenseitigen Klischeevorstellungen entgegenzuwirken.

Die DEAE Fachgruppe wird die vielfältigen Anregungen dieses Fach-Webseminars in die weitere Beratung über zukünftige Arbeitsvorhaben miteinbeziehen.
 
DEAE Fachgruppe „Bildung im Alter“
Im September 2020

Lesen Sie auch ein Interview mit Professorin Eva-Maria Kessler zum Thema:
Corona-Pandemie: Ältere Menschen sind sehr viel mehr als »die Risikogruppe«

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